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Das Bild vom Hai

Die Wissenschaft weiss verhältnismässig wenig über Knorpelfische. Vieles ist pure Spekulation − weder bestätigt noch widerlegt. Gleichzeitig steigt das öffentliche Interesse an den Haien. Die wachsende Anzahl der Haiberichte in den Printmedien, vor allem aber im Fernsehen, machen dies deutlich. Dieser Umstand ist darauf zurückzuführen, dass Natur− und Tierdokumentationen allgemein auf grosses Interesse stossen. Zudem ist es heute möglich, Haie in nahezu allen Lebensräumen qualitativ hochwertig zu dokumentieren und Aspekte ihres Lebens und Zusammenlebens mit anderen Organismen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In einer technisierten Welt, in der sich viele Menschen immer weiter von der Natur entfremden, entsprechen direkte und indirekte Einblicke in das Leben der Tiere einem Bedürfnis.

Auch ist es dem Menschen heute häufiger möglich, Haien in ihrem natürlichen Lebensraum zu begegnen. Die Tauchindustrie boomt, und mit Haien wird nicht selten gezielt Werbung für Tauchreisen gemacht. Ihr kommerzieller Wert ist von der Tauch− und Tourismusindustrie erkannt worden.

Einen nachhaltigen Eindruck des Tiers Hai hat der Film Der Weisse Hai (Jaws) von Steven Spielberg aus den 70er−Jahren hinterlassen. Ein Klassiker der Filmgeschichte, der unser Bild vom Hai tief geprägt hat. Dieser Film hat einer ganzen Tiergruppe das Image des Bösen verpasst und Vorurteile zementiert, die nur schwer wieder abgebaut werden können. Wie schwierig das ist, musste auch der Autor der Romanvorlage zum Film, Peter Benchley, erfahren. So gibt er in seinem aktuellen Buch seiner Faszination für dieses scheue Tier Ausdruck und weist auf dessen Bedrohung durch den Menschen hin. Bis heute spielen die Medien mit der Angst vor Haien. Bei Haiunfällen wird Hysterie und Angst geschürt. Selten wird vorurteilslos analysiert.

Es ist dieses Spannungsfeld zwischen Angst, Faszination und Unwissen, das den Mythos Hai am Leben erhält und viele Menschen nach immer neuen Begegnungen und spektakulären Bildern suchen lässt. Zwischen tatsächlichem Wissen und dem Bedürfnis einer interessierten Öffentlichkeit nach Informationen und sensationellen Bildern von Haien besteht eine deutliche Kluft. Haie als Tiergruppe wecken gleichzeitig grosse Neugier und Interesse und sind von der Wissenschaft erst wenig verstanden.

Ins gleiche Spannungsfeld von Angst, Faszination und Unwissen gehört auch die Vorstellung, Haie seien grundsätzlich gefährliche Tiere. Ebenso wenig sind sie alle gute Schwimmer, schwimmende Nasen, neugierig oder partiell warmblütig. Das sind alles Attribute, die wohl auf einige oder mehrere Arten zutreffen, nicht aber auf die ganze Gruppe der Haie. Die Wissenschaft kennt heute gegen 500 Haiarten, die von fingerlangen Formen wie dem wahrscheinlich kleinsten Hai, dem Zwerglaternenhai (Etmopterus perryi), bis zum grössten aller Fische, dem Walhai (Rhincodon typus), reichen. Diese verschiedenen Formen besiedeln unterschiedliche Lebensräume, haben unterschiedliche Lebenszyklusstrategien und zeigen unterschiedliche Verhaltensweisen. Gemeinsam sind ihnen lediglich diejenigen biologischen Merkmale, die sie von anderen Wirbeltierklassen als Gesamtgruppe unterscheiden.

Wird ein Dompteur von einem Tiger verletzt, kommt es uns kaum in den Sinn, zu sagen, Säugetiere seien gefährliche Tiere. Auch eine Hauskatze ist ein Säugetier, und wir akzeptieren sie ohne Furcht Tag für Tag in unserer unmittelbaren Umgebung. In diesem Fall differenzieren wir sehr genau zwischen Arten. Auf Haie trifft das häufig nicht zu. Obwohl es "den" Hai nicht gibt, genauso wenig wie "das" Säugetier oder "den" Vogel, verwenden viele Menschen diese Formulierung. Diese ungenaue Ausdrucksweise mag daher kommen, dass Haie den meisten Menschen nur wenig bekannt sind. Ein erster wichtiger Schritt, Haie besser zu verstehen, ist damit getan, dass zwischen den einzelnen Arten oder Gruppen unterschieden wird und generalisierende Aussagen kritisch hinterfragt werden. Was für die eine Art gilt, braucht noch lange nicht für alle Haiarten zuzutreffen.

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